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INTERVIEW MIT NORA PFEFFER

  • Liebe Nora, Sie haben eine sehr schöne behütete Kindheit gehabt:  Träumen Sie manchmal von Haus Ihrer Kindheit? Können Sie sich an es noch erinnern?

Wir wohnten in Tiflis (heute Tbilissi), Kirchenstraße 25. Die neue lutherische Kirche wurde 1910 vom Architekten Bielefeld erbaut. Die alte, von den ersten Einwanderern erbaute, wurde dann in unser Haus umgebaut. Es waren nur die Mauern übrig geblieben, deshalb waren unsere Fenster auch gewölbt und die Fensterbretter sehr breit. Pastors wohnten neben uns in der Kirchenstraße 27 im ersten Obergeschoss. Von der Straße aus hatten wir einen Aufgang (Podjesd) mit Klingel. Wir pflegten aber nach Hause von der Seite zu gehen, die zur Kirche führte. Zwischen unserem Haus  (der Pforte) und der Mauer des Kirchengartens waren es etwa 15-20 Meter. Von der Kirotschnaja (Kirchenstraße) aus zur deutschen Schule führte ein 10 Meter breiter Weg an der Kirche vorüber. Die Pforte führte in unseren Hof und Garten. (Hier war unser Haus - ein Beletagebau). Die erste Treppe führte über den langen breiten Balkon zur Küche, die zweite zu den Wohnzimmern. An der Wand von der Pforte aus weiter in den Garten war zuerst ein Wasserklosett, danach ein großes Zimmer. Wir nannten es "Stahl". Es hatte aber einen Bohlenbelag.

  • Welche Ihrer ersten Erinnerungen sind Ihnen besonders teuer?

Das erste, woran ich mich aus meiner Kindheit erinnere, ist, dass ich auf der Veranda sitze und an einer Birne lutsche. Solche saftige durch gereifte Birnen kann man nicht in einem Supermarkt kaufen. Es duftet nach diesem besonderen Geruch der Birne, nach den blühenden Sträuchern … Die Mutter erzählte auch, dass ich schon in meiner früh eine kleine Kokette war: Als ich eine neue Schleife für die Haare bekommen hatte, schob ich den Hocker zum Spiegel und betrachtete mich aufmerksam.
Mit drei Jahren war ich so unglücklich in den Schnee gestürzt, dass mein Elenbogen sich entzündet und vereitert war. Als mein Vater mich ins Krankenhaus auf den Händen trug, kullerten ihm Tränen über die Wangen und er stöhnte leise – es war das einzige Mal, dass ich meinen Vater weinen sah.  Ein Ärztekonsilium beschloss mir den Arm zu amputieren, aber ein Reichsdeutscher Arzt, Dr. Siemens sagte: „Das ist doch ein Mädchen, was soll es mit nur einem Arm?..."  Er nahm einen komplizierten chirurgischen Eingriff vor, und mein Arm wurde gerettet. Seitdem war er für mich mein ein und alles.  Ich kann mich erinnern, dass meine Mutter neben mir im zweiten Bett übernachtete. Er brachte mir bunte leere Arzneischachteln, Klementinen, kleine Püppchen, kitzelte mich an den Fersen, streichelte meine Finger und wunderte sich, wie ich mit drei Jahren schon zu kokettieren verstand.
Zu meinem 6. Geburtstag war unter anderen meinen Freundinnen auch Irene Schengelija, die Tochter unseres Hausarztes eingeladen, die ein Ring mit einem kleinen roten Stein trug, das mir sehr gefiel.  Als meine Gäste weg waren, bat ich die Mutter, mir auch solchen Ring zu kaufen. Sie antwortete: „Wenn du dich artig benimmst und nicht aufmüpfig bist, bekommst du es zum nächsten Geburtstag“. Und wenn ich mal mit etwas unzufrieden war, jemanden nicht verzeihen wollte oder selbst mich weigerte, um Verzeihung zu bitten, lächelte die Mutter: „Denk an den Ring“ und ich machte es und bekam wirklich im nächsten Jahr den begehrten Ring geschenkt.
Die Eltern waren für uns Respektpersonen, und, wenn sie ihre Liebe auch nicht offen zeigten, wir spürten sie trotzdem. Sie haben viel mit uns zusammen unternommen. Besonders sind mir unsere Sommeraufenthalte im Dorf Kodschori im Gedächtnis geblieben, dass sich nicht weit von Tiflis befand, aber viel höher in den Bergen. Es gab dort viel Waldbeeren, Erdbeeren, Pilze. Wie dufteten dort die Gräser und Blumen! Neben der Ruinen der alten Festung Ker-Ogly befand sich ein Gladiolenfeld, etwas weiter auf einer Anhöhe die Udso Kirche. Unten stand ein Baum, den die Bauern heilende Kräfte nachsagten und  mit farbigen Stoffschleifen schmückten. Wir unternahmen mit dem Vater  Wanderungen nicht nur in der nahen Umgebung sondern auch weit entfernte – wie zu dem sehr alten Kloster  mit einer Wasserquelle.  Unterwegs erzählte Vater, der ein sehr guter Biologe und Botaniker war, uns über die Bäume, Blumen, Schmetterlinge und Vögel, die wir lernten zu unterscheiden.
Wir lebten damals auf der Dietrich-Datscha 105 und kauften bei den Bauern Milch, Hühner, Butter, Honig und Gemüse und natürlich das sehr leckere georgische Brot. Es war ein großes Bauernhaus mit mehreren Zimmern, einer großen Küche, Scheune und einen Brunnen nebenan. Dort verbrachten den Sommer viele deutschen Familien und wir hatten viele gleichaltrige Freunde.

  • Welche Lieblingsbücher aus ihrer Kindheit und Jugend sind Ihnen in Erinnerung geblieben?

Das Lesen habe ich mir selbst beigebracht. Ich fragte bei den Brüdern welche Buchstaben es sind und fügte  sie mit Begeisterung in Worte zusammen. Eins der ersten Bücher war „Zehn kleine Negerlein“…  Den Struwwelpeter“ kannte ich mit 5 Jahren auswendig.  Ich hatte viele Kinderbücher.  Besonders mochten wir ein großes Tierbuch, wahrscheinlich von Brem, wo wir  einender abfragten   und raten mussten, welches Tier  abgebildet ist.  Ich leite mir Bücher in der Schulbibliothek, aber zu Hause haben wir auch eine große Bibliothek, die meinen Eltern gehörte und zwei Bücherschränke  vom Großvater.   Mit 6 Jahren begann die Mutter mir  Klavierunterricht zu geben.  Meine erste Klavierlehrerin war eine Frau Lawiner, eine deutsche Jüdin. Sie schrieb mir ins Album: „Sei allegro im Entschlusse und Adagio im Genüsse. Wer sanft piano Freunde liebt und forte seine Pflichten übt, der spielt die schönste Harmonie des Lebens größte Symphonie“.   Es sind so viele Jahrzehnte vergangen und ich erinnere mich noch an dieses Gedicht.  Ich mochte gerne Gedichte und lernte sie auswendig wie zum Beispiel von Sergej Jessenin, habe viel und gern gelesen.  Im Gulag  wurden besonders die geschätzt, die den anderen gelesene Bücher erzählten.  Ich kann mich an eine solche Frau erinnern. Sie hieß Sonja, war  hochgewachsen, schlank, mit aristokratischen Manieren und machte regelrechten Unterricht  in einer Ecke im Raum in der Untersuchungshaft, der  mit 230 Häftlingen vollgestopft war.  Als der Wachhabende einem alten Juden die Bücher aus seinem Koffer auf den Schnee rauswarf, nahm ich ihn Schutz und sagte zum Soldat: „Lassen Sie doch bitte dem alten Mann seine Bücher“ und er durfte sie wieder einsammeln. Wie er sich bei mir dafür bedankte!
Von den deutschen Autoren schätze ich sehr Heinrich Böhl und  die Romane von Erich Maria Remarque „Drei Kameraden“, „Im Westen nichts Neues“.   Als ich in Lama-Aty Deutsch an der Universität unterrichtete, habe ich ihn ins Programm aufgenommen.

  • Die Tante Ihres Mannes war die Frau des georgischen Dichters Tazian Tabidse. Sie erwähnen in ihren Erinnerungen auch einen anderen Dichter Murman Lebanidse

Er hat mich zum Dichterfest „Waschoba“  des Volksdichters Wascha Paschawelli mitgenommen, das fast jedes Jahr in Pschawi in den Bergen stattfand und zu dem viele Verehrer des Volksdichters seine Gedichte deklamierten. Auf einer Almwiese wurden ein riesen großer Picknick  organisiert, Lammschaschlik gemacht, georgischer Hauswein mitgebracht, Obst und Gemüse.

  •     Welche Rolle spielte Musik in Ihrer Familie, in Ihrer Umgebung?

Wir hatten zu Hause ein Klavier, parallel zur deutschen Schule absolvierte ich auch ein Musiktechnikum. Es wurde viel in der Familie gesungen. Wir hatten zwei Jahresabonnements in die Oper. Die Mutter hatte nicht immer Zeit mitzugehen und dann begleitete ich den Vater in die Oper. Ich erinnere mich an den „Nussknacker“ und das „Rotkäpchen“ und besonders an die erste „Erwachsenenoper „Eugen Onegin“, wo der berühmte Lemeschew die Partie von Lenskij gesungen hat. Diese Oper hatte mich so aufgewühlt, dass ich mich jetzt noch auf dem Heimwegerinnere, wie still es war und die Schneeflocken um die Laternen auf dem Rustavelli Bulevard kreisten und die Musik in mir noch immer weiter geklungen hat. Da habe ich später auch die „La Traviata“ die „Aida“ und die berühmteste russische und georgische Opern gesehen und gehört.

  •    In den 30. Jahren gab es ja in der Wolgadeutschen Republik wegen einer anhaltenden Dürre eine große Hungersnot und die deutschen Kolonien am Schwarzmeergebiet haben den Hungernleidenden sehr geholfen. Haben Sie auch Erinnerungen an diese Zeit?

Eines Tages kam Mama hereingestürzt, rief nach Tante Lenchen, und zu zweit brachten sie einige von Hunger aufgedunsene Frauen herein. Vor allem wurde unser Boiler geheizt. Eine nach der andren badete Mama sie, gab ihnen reine Unterwäsche und brachte dann in den "Stahl".
Ich schreibe das, und meine Augen werden mir feucht vor Mitleid, das ich mit jenen armen Wolgadeutschen empfand. Ich war immerhin 12 Jahre und kann mich noch gut an alles erinnern. Es muss Frühling gewesen sein, da der lila Fliederbusch vor dem Wasserklo und der riesige  weiße vor der "Stahltür" standen in voller Blüte, und die Glyzinien, deren Stämme sich männerfaustdick um den Bolzen der zweiten Treppe rankten, hingen als dunkel- und helllila riesige Troddeln über den Balkon bis hinauf über das Dach und verbreiteten einen betörenden Duft...
Tante Leni kochte in einem riesigen Kochkessel Mittagessen, Mama brachte unsere zwei Feldbettgestellen in den "Stahl", einen runden Gartentisch und Stühle. Sie warnte die Frauen noch, nicht auf einmal  zu viel zu essen, dies könnte zu Darmverschlingung führen. Als sich die kranken Frauen etwas erholt hatten, brachten sie auch ihren Männern, die am Ende der Straße bis hinauf zu Bergen an der Grenze der Stadt (Tiflis liegt in einem Kesseltal) Arbeit gefunden hatten. In der Kirche gab es von unserer Seite einen Keller mit Stufen hinab. Dort hatte sich eine Flüchtlingsfamilie eingerichtet. Schräg gegenüber von unserer Straßenseite befand sich ein von der deutschen Kirchengemeinde subsidiertes Siechenheim. Dort gab es zahlreiche Betten und eine großartige Köchin. Sie hatte zwei Töchter, die mit mir in der Klasse lernten. Auch da wurden viele wolgadeutsche Frauen untergebracht. Und so half ein jeder wie und was er konnte. In unserem Bezirk lebten viele deutsche Intellektuelle - Ärzte, Stomatologen, Apotheker u.a.
Wir freuten uns, als an unserer Balkontür  eines schönen Tages die Wolgadeutsche stand, welche bei uns gewohnt hatte, und eine große Kanne mit wunderbar frischer Milch brachte. Das tat sie täglich. Mama bezahlte selbstverständlich immer. Wir Kinder nannten sie einfach "Radischen!" Sie hatte ein dickes aber längliches Gesicht, um den Kopf trug sie ein frisch gebügeltes rotes Tüchlein, dessen Faltspitze gerade in der Mitte über der Stirn hervorragte - "Das verkehrte Radischen"...
Später während der Perestrojka habe ich ein Gedicht den während des Krieges deportierten Wolgadeutschen gewidmet und veröffentlicht.

  •     Ihre Kindheit endete 1935 abrupt mit der Verhaftung Ihrer Eltern…

Seit 1934 wurden in Tbilissi die ersten Vertreter der deutschen Intelligenz verhaftet. Am 15. Mai 1935 feierten wir den Geburtstag des Großvaters. Einen Tag darauf hatte mein Vater Dienst und ich wartete auf ihn, bereitete das Abendessen vor. Plötzlich hörte ich Schritte. Aber es waren nicht die des Vaters. Ich öffnete die Tür, und mir war sofort war alles klar…
.„Wo sind deine Eltern?" fragte einer mit herrischer Stimme. Man zeigte der Mutter einen Durchsuchungsbefehl. Ich schaute dauernd zur Tür hinüber - der Vater musste jeden Augenblick kommen. Er begriff sofort, was da kam und wurde kreidebleich als er den Haftbefehl sah. Ich bat die ungebetenen Gäste:  „Erlauben Sie bitte, dass ich in die Küche gehe. Ich muss für meinen Papa das Essen zurechtmachen, er hat Hunger." Der Vater aß bis zum letzten Krümel alles auf, was ich zubereitet hatte, obwohl ihm wahrscheinlich gar nicht nach Essen  zumute war. Die Durchsuchung dauerte bis zum Morgengrauen. Mutter packte für den Vater gerade die Unterwäsche ein, als auch ihr ein Haftbefehl vorgelegt wurde... Wir, Fünf Kinder, eine taubstumme Tante und unsere Großeltern blieben allein. Die Eltern schauten ernst und traurig. Es war das eingetreten, was sie schon lange befürchtet hatten...  Die Mutter wurde ein Jahr später aus dem Gefängnis entlassen nach meiner Fürsprache bei Tante Ella, die Hauslehrerin beim Sohn von Beria war, der meinen einen Brief an seinen mächtigen Vater weitergab. Der Vater wurde ohne Gerichtsverfahren konterrevolutionärer Tätigkeit bezichtigt und in das SibLAG abtransportiert. Alle drei Jahre wurde seine Haft verlängert  und erst nach elf Jahren wurde er entlassen und 1956 rehabilitiert.

  •  Nora, Sie studierten das erste Jahr an der Hochschule für Fremdsprachen, als sie bemerkten, dass man es auch auf sie abgesehen hatte…

Die Hochschule bereitete sich auf die 1. Unionsfestspiele der Studenten vor. Ich  sollte nach Moskau reisen. Auf einmal wurde ich zum Dekan bestellt. „Sie sollen sich von Ihrem Vater lossagen", sagte der  ohne mich anzusehen. Natürlich tat ich es nicht und wurde exmatrikuliert. Aus der Musikfachschule beim Konservatorium wurde ich auch ausgeschlossen. Auch die Teilnahme an dein Weltjugendfestspielen wurde mir untersagt…. Der Trainer unserer Volleyballmannschaft sagte auch bald darauf: „Entschuldige, Nora, aber zur Landesmeisterschaft darf ich dich nicht mitnehmen."
Erst ein Jahr später, nachdem Stalin verkündet hatte, dass die Kinder nicht für Ihre Eltern haften, durfte ich mein Germanistik- und Anglistikstudium,  das ich extern am I. Moskauer Staatlichen Pädagogischen Fremdspracheninstitut absolvierte, wieder aufnehmen.  Im Frühjahr 1940 verlobte ich mich mit Juri Karalaschwili dem Enkel des georgischen Katholikos. Die Verlobung ist mir mit einer reichgedeckten Tafel, Körben voll weißer Rosen und ... schrecklichen Zahnschmerzen im Gedächtnis geblieben.  Am 5. August 1941 bekam ich einen Sohn Rewas.  Er wurde  nur 48 Jahre alt, erlitt 1989 einen Stundentod.

  •  Als im 19. Oktober 1941 alle georgischen Deutschen aufgefordert wurden, binnen 24 Stunden ihre Heimat, zu verlassen, verschlug es Ihre Mutter und Geschwister  nach Kasachstan. Sie durften als Frau eines Georgiers bleiben.  Juri, Ihr Mann, war an der Front ..

Es war eine schwere Zeit für mich. Aus Barnaul kam ein Brief von meinem Mann. Er war verwundet und lag in einem Lazarett.  Ich hatte schon eine Fahrkarte gelöst, um ihn abzuholen, als ich plötzlich feststellte, dass ich beschattet wurde.
In der Nacht nach der Beerdigung meines Großvaters — es war der 11. November 1943 — wurde ich abgeholt von einer Frau und zwei Männern. Mein  rotwangiger Sohn schlief. Ich hörte einen der Männer zu dem anderen auf Georgisch sagen: „Welch ein liebliches Kind." Bei der Durchsuchung wurde alles beschlagnahmt. Sogar die Lebensmittelkarten. Bubi erwachte. Ich packte gerade ein paar warme Sachen für mich ein. Ich wusste schon, dass von dort noch keiner zurückgekehrt war. Der Bubi fragte bestürzt und erschrocken: „Mutti, wohin?" „Nach einem Weihnachtsbäumchen für dich, mein Liebling", sagte ich und bedeckte mein Kind mit Küssen. Was hätte ich sonst sagen sollen? Dann reichte ich es der Nachbarin …
Mir wurde die gleiche „Sache" zur Last gelegt wie noch zwanzig anderen Jugendlichen, unter ihnen dem georgischen Schriftsteller Tschabua Amiredshibi, dem Verfasser des Romans „Data Tutaschchia“. Ich kannte ihn persönlich.
Ich kam in ein Untersuchungsgefängnis. Ein schmutziger schwarzer Tisch in einer Einzelzelle. Ein Tonkrug darauf. Ein Becher. Ein Stuhl. Auf dem schmutzigen Fußboden ein Kübel und ein Besen. Man darf weder lesen noch schreiben. Ich wollte nicht durchdrehen, wollte meinen Sohn und Mann wieder in Freiheit umarmen können. Ich brauchte eine Beschäftigung. Sie brach eine Rute vom Besen ab, setzte sich an den Tisch und begann, die dicke Lehmschicht Millimeter um Millimeter abzutragen. Tag für Tag, Woche für Woche. Es stellte sich heraus, dass der Tisch leuchtend gelb war. Morgens rieb sie sich mit eiskaltem Wasser ab. Ich lernte es, die Aufseher danach zu unterscheiden, wie sie daher stapften, ausspuckten, rülpsten..
Allnächtlich wurde ich vom Untersuchungsrichter Markarow verhört. Nie werde ich seine sadistischen Sprüche vergessen: „Wenn du beweisen kannst, dass du absolut unschuldig bist, bekommst du bloß zehn Jahre aufgebrummt. Der Mensch besteht aus Fleisch, Haut und Knochen. Wenn wir auf diese seine Bestandteile einwirken, erreichen wir alles." Markarow  ließ mich in den „kalten Bunker" einsperren. Dort war es eisigkalt, feucht und dunkel, es wimmelte von Ungeziefer. Anfangs sang ich Lieder, um zu beweisen, dass ich ungebrochen war. Dann wurde ich müde, auf und ab zu gehen, und lehnte mich an die Wand. Stand ein paar Minuten regungslos da und rutschte ab. Sank auf die Knie, verlor das Bewusstsein und kippte um — in den glitschigen Dreck…
Vor Gericht sprach Tschabua Amiredshibi mit dem Mut der Verzweiflung.  Mehrere „Aufrührer" wurden zum Tode verurteilt. Unter ihnen auch Tschabua. Das „human gestimmte" Gericht zog jedoch sein jugendliches Alter in Betracht und beließ es bei 25 Jahren Gefängnis. Ich wurde zu zehn Jahren Lagerhart und zu fünf Jahren Verbannung verurteilt. Alles ist relativ. Einerseits war ich wahnsinnig glücklich, dass meine Strafe nur zehn Jahre betrug. Andererseits hatte ich ein mächtiges Schuldgefühl: Meine Freunde hatten viel mehr bekommen, drei wurden sogar erschossen, obwohl sie genau so unschuldig waren wie ich...

  • Träumen Sie auch jetzt noch von dieser schrecklichen Zeit?

Bis heute denke ich mit Schrecken an die riesigen Hangars der Durch-gangsgefängnisse, in denen ich mit Hunderten Ganoven hausen musste. Tagelanges Reisen in „Stolypin"-Waggons, mit salzigen Heringen als einziges Nahrungsmittel, Wasser zum Trinken wurde nicht verabreicht. Ich kam nach Dudinka in ein Lager, wo man bei 50 Grad minus in gewöhnlichen Zelten untergebracht wurde. Chronischer Skorbut mit blutendem Zahnfleisch. Holzfällen im Wald, wo man immer wieder auf Leichen von Häftlingen stieß, die auf der Flucht erschossen wurden oder völlig erschöpft zusammengebrochen waren.
Im Lagerleben gab es auch lichte Augenblicke. Im Laufe von zehn langen Jahren begegnete ich auch großartigen Menschen. In einem der Lager lernte sie hochbegabte Dichter und Maler kennen. Einer von ihnen hatte auf Geheiß der Lagerleitung aus festlichem Anlass ein Wandbild zum Thema „Alle Republiken" zu schaffen. Und dieser „verrückte Kerl" verewigte seine Mithäftlinge — aber lauter Kriminelle — In Nationaltrachten... Ein Lette hob für mich in der Erde ein Loch aus als er sah, dass der orkanartige Polarwind mich umzuwerfen drohte. „Komm, hier kannst du dich verkriechen und dich ein bisschen wärmen", meinte er. Tränen der Dankbarkeit weinte ein alter Jude, als ich auf eine Begleitsoldaten so lange einredete, bis dieser ihm erlaubte, die aus seinem riesigen Koffer herausgeworfenen Bucher wieder einzupacken. Eine Zivilangestellte brachte ihr einmal rohe Kartoffeln — das beste Mittel gegen Skorbut. Dabei galten rohe Kartoffeln auch In Freiheit als äußerst begehrte Mangelware... Aus solchen Begebenheiten schöpfte Nora neuen Mut. Allerding kam ihr eines Tages ihr Leben als völlig sinnlos vor: Von Jurijs neuer Frau hatte sie einen Brief bekommen, der vor Beleidigungen und Gehässigkeit nur so strotzte...
Menschen bleiben immer Menschen. Nicht alle natürlich, nicht alle. Aber viele. Solche Menschen verbinden sich in meinem Bewusstsein mit der Begriff, ‚Heimat'". Und an der Heimat darf man nicht Verrat üben.

  • Sie überlebten zehn Jahre Straflager in Dudinka (Norillag) und die anschließende Verbannung nach Nordkasachstan. Wie ging es dann weiter?


Da mein gesamtes Eigentum nach Urteilsspruch beschlagnahmt worden war, ging auch mein Diplom verloren, deshalb begann ich 1953 erneut ein Studium an der Hochschule für Fremdsprachen zu Alma-Ata hatte ein Studium der Germanistik und Anglistik, das ich extern am I.  Moskauer Staatlichen Pädagogischen Fremdspracheninstitut absolvierte. Nach Beendigung war ich bis 1981 Dozentin an der Kasachischen Staatlichen Universität und nebenberuflich Sprecherin und Moderatorin beim deutschen Sender des Kasachischen Radios.

  • Haben Sie auch selbst sich mit Nachdichtungen beschäftigt?

Als Schülerin versuchte ich Gedichte von Rilke ins Russische zu übersetzen.  Später als  ich beim deutschen Radio in Alma-Ata  arbeitete, bereitete ich auch Wunschkonzerte vor. Durch diese Konzerte haben sich viele Verwandte, die sich während des Krieges verlorenen  hatten, wieder gefunden. Es wurden auch berühmte russische Lieder ins Deutsche üb ersetzt. Einmal wurde geplant, Lieder des in Kasachstan bekannten Sänger Serkibajew ins Deutsche zu übersetzten, aber die Übersetzerin war krank geworden. Ich nahm den Text nach Hause und schaffte es am selben Abend noch nachzudichten. Mein Chef beim Radio wollte es nicht glauben: "Es kann nicht sein, so schnell...!"  Hermina Wagner sang dann das Lied in Deutsch für unsere Zuhörer.  Meine eigenen Gedichte begann ich im Norillag zu schreiben.
- Welche Russisch schreibende Autoren haben Sie besonders gern ins Deutsche übersetzt?
Boris Dubrowin,  Olshas Suöejmenow und viele andere kasachische Dichter, Wladimir Gundarev, Leonid Grunz. Es erschein 1990 im Verlag "Kasachstan" mein Buch mit Nachdichtungen "Meine Freunde". Die Kindergedichte von Roman Sef übersetzte ich besonders gern - später in Deutschland erschien im Burau Verlag mein Buch mit diesen Nachdichtungen "Durch die Straßen streunt ein Hund".
- Viele Ihre Gedichte wurden in Russland und Kasachstan auch ins Russische  übersetzt. Mit wem hast du besonders gern gearbeitet?  Wer hat ihre Kindergedichte ins Russisch übersetzt?
In Russland übersetzten meine Kindergedichte Lydia Stepanowa, Irina Kostina, Wladimir Lewandowskij. Mirdza Bendrupe und Boris Dubrowin haben viele Gedichte aus dem Buch „Jahresringe“ übersetzt, sowie auch Karlo Kaladse, Murman Lewanidse und viele andere. Boris Dubrovin, dessen Gedichte ich auch selbst übersetzt habe, hat einige meine Gedichte nicht nur übersetzt, sondern auch vertonen lassen und mir später eine Kassette nach Deutschland geschickt und ruft bis jetzt ab und zu an. Lydia Stepanova, die viele meiner Kindergedichte übersetzt hat, ist leider längst gestorben. 

           
- Die 70. Jahre waren ein richtiger Durchbruch für Sie. Als Sie 1974  in den Schrifttellerverbandes der UdSSR aufgenommen wurden, waren schon Ihre Kinderbücher "Nur nicht heulen über Beulen", "Otars Entdeckungsreisen" ,  "Vom Blöken, Bellen und Brüllen:. Plaudereien über die Sprache, Sprachspiele 1974 in Alma-Ata im Verlag "Kasachstan" erschienen.
Was empfanden Sie, als sie Ihr erstes eigenes Buch in den Händen hielten?

Natürlich war ich glücklich. Es war eine sehr schöne mehrfarbige Ausgabe meiner Kindergedichte.
- Im Jahr ihrer Aufnahme in den Schriftstellerverband erschien ihr Poem für Kinder "Viele gute Kameraden", zwei Jahre später "Mik, das Äfflein", dann  1981 "Meister Hase ist Friseur", die alle sehr bekannt und beliebt waren.    In Kinderbücher sind die Illustrationen sehr wichtig. Welche Kontakte zu Malern hatten Sie?
Viele Zeichnungen in meinen Büchern wurden von Wladimir Beresjuk und Irina Justus, einer Malerin aus Moskau gemacht.

  •  1973 veröffentlichten Sie ihre Kinderlieder unter dem Titel " Sonnenregen", zu denen Oskar Geilfuß die Musik geshcrieben hatte.  Später wurden viele Ihrer Gedichte vertont, nicht nur für Kinder auch Ihre lyrische Gedichte für Erwachsene. Mit welchen Komponisten haben Sie besonders gern zusammengearbeitet?
    Oskar Geilfuß schrieb Musik zu meine Kindergedichten, die  1979 im Verlag Kasachstand in Alma-Aty erscheinen im Buch „Für alle Kinder“. Der Komponist Eduard Schmidt vertonte viele Lieder aus meinem Buch  „Goldkäfer“, das 1993 in Moskau im Verlag „Raduga“ erschienen ist.

- Nach ihrer Pensionierung gingen sie nach Moskau. Bis zu ihrer Ausreise nach Deutschland Ende 1992 waren sie Abteilungsleiterin in der Redaktion der Moskauer Zeitung "Neues Leben ".  Ist Ihnen Ihre  Entscheidung zur  Ausreise schwer gefallen?
Sie ist mir leicht gefallen. Die Lichter gingen aus, es war nicht mehr viel los… 1989 war mein Sohn gestorben. Er wurde  nur 48 Jahre alt, erlitt 1989 einen Stundentod. 1992 kam ich nach Deutschland und auf Empfehlung von Lev Kopelev – nach Köln. 1 Jahr und 9 Monate lebte ich im Wohnheim
-  Wer hat dich nach dem Umzug nach Deutschland besonders unterstützt?
Vor allem Lew Kopelew, den ich noch aus Moskau kannte und der mich auch überredet hatte, mich in Köln niederzulassen. Er sagte mir, ich könnte hier bei der Deutschen Welle arbeiten, aber ich kam nach Deutschland mit 72 Jahren, war zu alt, hatte auch drei Jahre zuvor meinen einzigen Sohn verloren. Der Kopelev mochte meinen Bubi sehr, er hat mich sehr moralisch unterstützt, kam zu mir ins Wohnheim nach meiner Übersiedlung, hatte mir einige Kontakte vermittelt.  Ich wurde fast sofort zu einer Literaturwerkstat nach Berlin eingeladen. Auch wurden eineinhalb Jahren nach meiner Übersiedlung im Verein DJO zwei Kinderbücher in der Serie "Blätter zur Kulturarbeit"   veröffentlicht: 1994 "Sieben junge Schnatterenten" mit Kinderlieder nach meinen Texten und "Wieviel goldene Teller?" , die später drei Neuauflagen erlebten.
Viele meine lyrischen Gedichte wurden übersetzt und im Sammelband "Чем дальше, тем ближе" 1991 in Russisch veröffentlicht. 1996 erschien in Moskau im Gotika Verlag ihr Gedichtband "Zeit der Liebe / Время любви" in Deutsch und Russisch mit neuen Auflagen 1987, 1988. Meine eigenen Nachdichtungen aus dem Russischen "Durch die Straße streunt ein Hund" erschienen 2001 in Lage-Hörste im Verlag von Robert Burau.  
-  Welche Kontakte hatten Sie zu den Autoren der ehemaligen DDR und jetzt auch im vereinigten Deutschland?   Welche   für Sie  wichtigen Kontakte pflegen sie?
Mein jüngster Cousin Rudi Steinbrecher lebt in Berlin.  Er war  für mich in unserer  Kindheit mein Kavalier und  Beschützer.  Die  Dichterin Lia Frank kenne ich schon ein halbes Leben – sie lebt auch in Berlin und gratuliert mir immer zum Geburtstag. Oft ruft  Irina Leinonen an, die Frau des 90-jährigen Maler und Autor Robert Leinonen, die in Thüringen in eine Glasbläserdorf Lauscha leben, von  irgendwann seine Vorfahren nach Russland ausgewandert waren. Durch die Übersetzerin Marlene Millach-Verheyden lernte ich die Malerin Jutta  Lindemann noch zu DDR-Zeiten kennen und habe bis jetzt mit ihr Kontakt.  Der Mann von Marlene arbeitete im  Verlag „Volk und Welt“. Sie kam   vor vielen Jahren privat nach Russland und wir lernten uns  in Haus des Schriftstellerverbandes kennen. Wir machten mit ihr und  Johann Warkentin  einen Ausflug zum Bergsee Issyk .  Dort war gerade nach lange anhaltendem Regen ein Stück vom Fels in den See gestürzt.
Seit Jahren stehe ich im Briefwechsel  mit dem berühmten Literaturkritiker aus Kasachstan Herold Belger, der mich und Nelly Wacker immer  „meine Tantchen nannte“ und mir auch ein Kapitel in seinem Buch „Pomni  imja swoje“/ „Vergiss deinen Namen nicht“  gewidmet hatte.
Meine in Köln lebende Schwägerin und  Nichten, sowie Professor Keller und seine Frau besuchen mich ab und zu. Mit dem Literaturkritiker und Buchautor Belger, der mir ein Kapitel in seinem Buch gewidmet hat,  mit Konstantin Ehrich, der jetzt in Hamburg lebt, Liesa Wiebe, meiner Nachbarin, die bei der Deutschen Welle arbeitet. Mit einigen alten Schriftstellerkollegen habe ich Telefonkontakt, aber viele sind gestorben.

  • Wie schätzen Sie die jetzige russlanddeutsche Literaturszene in Russland und Deutschland ein?  Was  würden sie den jungen russlanddeutschen Autoren empfehlen?

Viele von den Jungen schreiben in Russisch. Wichtig ist, dass sie  Deutsch sprechen und auch schreiben lernen, konsequent dabei bleiben und nicht zu faul sind , ins Wörterbuch zu schauen oder Synonymen suchen, überlegen, wie man es treffender , besser sagen bzw.  schriftlich ausdrücken könnte.

  • Zu Ihrem 92. Geburtstag wurden im Almanach 2011 „Literaturblätter der Deutschen aus Russland des Literaturkreises ihr früher geschriebene Gedichtzyklus über den Gulag  und auch ganz neue im vorigen Jahr von Ihnen  geschriebene Erinnerungen an die Hungersnot an der Wolga und Ihre Kindheit in Georgien veröffentlicht. Woran arbeiten Sie jetzt?

Ich möchte über meine blinde Tante Lena etwas schreiben. Sie war eine sehr mutige Frau. Über meine Kindheit  habe ich irgendwann in Russisch angefangen zu schreiben. Jetzt schreibe ich weiter in Deutsch. Ich habe früher  viele Gedichte von Olshas Sulejmenov  ins Deutsche übertragen und in verschiedenen Anthologien veröffentlicht. Jetzt habe ich sie in ein Manuskript zusammen getragen und suche gerade die Originale für ein zweisprachiges Buch zusammen.
Übrigens, ich habe vor kurzem erfahren, dass in Moskau im vorigen Jahr sich über 600 Kinder an einem Übersetzungsprojekt beteiligt und meine Gedichte ins Russische übersetzt haben. Ich bin gespannt auf die Ergebnisse, die man mir versprochen hat, bald zu präsentieren

 

 

 

© Idee und Design: Gennady Dick

 

 

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